Ich beobachte die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) mit wachsender Skepsis. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, medizinische Daten zentral verfügbar zu machen. Bei korrekter Befüllung würde die ePA es z. B. ermöglichen, alle Impfungen eines Patienten lückenlos nachzuvollziehen – unabhängig von Ort oder behandelndem Arzt. Der Impfstatus wäre damit jederzeit und überall digital abrufbar.
Das hätte viele konkrete Vorteile:
- In Notfallsituationen: Man könnte sofort sehen, ob z. B. eine Tetanusimpfung noch gültig ist.
- Bei Reisen: Impfanforderungen für bestimmte Länder wären direkt überprüfbar.
- In Hausarzt- oder Kinderarztpraxen: Impflücken könnten schnell erkannt und geschlossen werden.
- Bei Schul- und Arbeitsantrittsuntersuchungen: Kein Nachfordern vergessener Impfpässe.
In der Theorie ein echter Fortschritt – in der Praxis aber nur dann möglich, wenn relevante Daten strukturiert, vollständig und nachvollziehbar eingepflegt werden. Doch die derzeitige Umsetzung wirft viele praktische und strukturelle Fragen auf.
Allein die mittlerweile über 15 Dokumentenklassen und zahlreichen Dokumententypen erschweren bei konsequenter Befüllung die Übersicht enorm.
Wie sehen das andere? Welche Strategien gibt es, um hier langfristig den Überblick zu behalten?
Dazu kommt aktuell ein regelrechter „Run“ auf die Erstbefüllung – es herrscht stellenweise Goldgräberstimmung. Die pauschalen 11 € pro befüllter ePA wirken wie ein starker Anreiz, schnell irgendetwas hochzuladen – häufig ohne Rücksicht auf die Qualität oder Relevanz der Daten.
Ich selbst lade z. B. gut strukturierte Arztbriefe hoch – das dauert mit Abrechnung keine 30 Sekunden. In diesem Fall sind die 11 € leicht verdient. Die eigentlich aufwendige Arbeit – strukturierte medizinische Bewertung und Dokumentation – wird hingegen nicht vergütet. Jetzt gibt es einmalig Geld – aber nur für denjenigen, der zuerst die ePA befüllt. Das hinterlässt bei mir einen bittersüßen Beigeschmack.
In vielen Praxen scheint inzwischen wahllos Altmaterial hochgeladen zu werden – etwa 10 Jahre alte Physiotherapieberichte – während essentielle Informationen wie aktuelle Diagnosen oder Medikationspläne fehlen. Bei einer dauerhaften Nutzung der ePA dürfte das erhebliche Probleme im Datenfluss verursachen.
Eine vielfach diskutierte automatisierte ePA-Befüllung allein zu Abrechnungszwecken sollte m. E. nicht das Ziel sein – und auch von Systemanbietern wie Tomedo nicht unterstützt werden.
Stattdessen sollten wir als Ärzte bewusst und verantwortungsvoll Daten einspeisen, die langfristig medizinisch relevant sind – nicht nur für uns selbst, sondern auch für nachbehandelnde Kollegen.
Ein extremes Beispiel aus meiner Praxis:
Ein Patient erhielt von seiner Krankenkasse (DAK) einen ePA-Datensatz mit über 200 Seiten. Die Datenstruktur war zwar gut, aber inhaltlich fanden sich viele Widersprüche und teils falsche Angaben. Die Kasse hat lediglich vorhandene Daten der letzten 10 Jahre chronologisch aufbereitet – dennoch: Fehler bleiben bestehen, wenn sie nicht erkannt oder korrigiert werden. Das kann später zu gravierenden Fehlentscheidungen führen.
Solange ePA-Daten nicht intelligent gefiltert, kontextsensitiv aufbereitet und möglichst automatisch in unsere Systeme eingespielt werden, bleibt die ePA im Alltag kaum nutzbar.
Die aktuelle Vergütungspolitik setzt völlig falsche Anreize: Sie belohnt die einmalige Erstbefüllung – aber nicht die kontinuierliche Pflege der Daten. Doch gerade diese Pflege ist entscheidend für den langfristigen Nutzen der ePA.
Wer übernimmt diese Aufgabe?
Aktuell: niemand. Und dass Patienten sie in Eigenregie und zuverlässig leisten, ist eine Illusion.
Dabei braucht es für die Datenpflege Fachverstand, Sorgfalt und Zeit – genau wie bei einer medizinischen Dokumentation. Kein Notar würde Dokumente pflegen, beglaubigen oder ordnen, ohne dafür vergütet zu werden.
Warum erwartet man das scheinbar von uns Ärzten?
Ich selbst nutze mittlerweile ein eigenes, KI-gestütztes, DSGVO-konformes Analysetool, um eigene Daten als auch externe Daten im Kontext aufzubereiten. Wer Interesse hat, kann sich gerne per PN melden. Leider ist eine automatisierte Qualitätsprüfung der ePA aktuell noch nicht möglich – sie erfordert mit meiner Lösung mehrere manuelle Zwischenschritte. Genau hier müsste Systemunterstützung durch die gematik ansetzen.
Noch ein Beispiel:
Einige RIS-Systeme laden automatisch radiologische Befunde in die ePA – theoretisch eine gute Idee. In der Praxis funktioniert das derzeit jedoch nicht: Die Daten sind nicht abrufbar, wie unsere Radiologen bestätigt haben. Technische Kinderkrankheiten? Möglich – aber sie zeigen, wie weit wir noch von einem funktionierenden Gesamtsystem entfernt sind.
Am Ende bleibt die Frage:
Wer profitiert tatsächlich von dieser Datensammlung?
Ich zweifle zunehmend daran, dass wir Behandelnden einen echten Nutzen davon haben. Eine zentrale Datenspeicherung birgt Risiken – denn wer Zugriff hat, gewinnt Macht. Eine wirksame Kontrolle darüber gibt es bisher nicht. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, was mit diesen Daten künftig geschieht.
Gleichzeitig erleben wir, wie wir als Ärzte zunehmend reguliert werden. Radiologen etwa sollen laut AI Act der DRG künftig einen „KI-Führerschein“ machen, wenn sie KI-gestützte Tools zur Bildanalyse nutzen wollen.
Dann kann man auch gleich einen Führerschein fürs Googeln fordern.